2026
"Collapse & Splendour"
Sarah Pschorn, Christoph Liedtke, Simon Baumgart und Louise Walleneit
1-Tages-Intervention von Joachim Zehme
06.09. – 18.10.2026
Im Rahmen der 6. Kunstroute durch den ländlichen sächsischen Raum: www.horsenoname.org
Ausstellungsposter "Collapse&Splendour" gestaltet von Simon Baumgart
Muss man den Barock als abgeschlossene historische Epoche begreifen – oder kann man ihn auch als eine Denk- und Formbewegung verstehen, die sich bis in unsere Gegenwart fortsetzt? Diese Frage steht am Anfang von Collapse & Splendour. Sarah Pschorn hat die Ausstellung im Rahmen eines Arbeitsstipendiums der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen initiiert und dazu Simon Baumgart, Christoph Liedtke und Louise Walleneit eingeladen.
Der Saal des Bergguts Oschatz ist kein Barocksaal, sondern ein geschichteter Raum. Unterschiedliche Zeiten, Nutzungen und bauliche Veränderungen existieren hier gleichzeitig. Ornamente tauchen auf, brechen ab, werden überlagert. Vieles bröckelt, und trotzdem hat der Raum etwas Prachtvolles. Gerade dieses Unfertige lässt Platz für die eigene Vorstellung: Jede und jeder kann die Räume im Kopf weiterbauen. Auch die Kunstwerke lernt man hier anders kennen. Sie stehen nicht einfach vor einer weißen Wand, sondern treffen auf Farben, Risse, Ornamente und Gebrauchsspuren.
Ein wichtiger Ausgangspunkt ist Gilles Deleuzes Buch Die Falte. Darin löst er den Barock aus seiner historischen Begrenzung und verfolgt das Barocke bis in die moderne Kunst, etwa in den Linien Jackson Pollocks. Die Falte ist dafür ein schönes Bild: Eine Form endet nicht einfach, sondern faltet sich weiter. Formen wachsen über ihre Grenzen hinaus, werden überlagert und verformt. Es geht also weniger darum, ob etwas nach 1700 aussieht, als um die Frage: Woran könnte man also etwas Barockes in einem Kunstwerk erkennen?
Natürlich trägt nicht jedes zeitgenössische Kunstwerk barocke Merkmale in sich. Anhand der vier künstlerischen Positionen, die Sarah Pschorn in dieser Ausstellung zusammenbringt, lassen sich einige dieser Eigenschaften entdecken:
Christoph Liedtkes Malereien und Skulpturen wirken manchmal, als hätten sie keinen richtigen Anfang und kein richtiges Ende. Historische Motive wie die Madonna und Themen wie Vergänglichkeit tauchen auf. Vor allem aber sieht man die Geschwindigkeit und die Kraft, mit der er auf das Material einwirkt. Beim Anschauen kann man die Bewegung des Malers fast noch nachvollziehen. Die Formen wuchern und überlagern sich, kommen nie ganz zur Ruhe, sind wild und gleichzeitig erstaunlich fein austariert.
In Sarah Pschorns keramischen Arbeiten bleibt die Erinnerung an das Gefäß meistens erhalten. Aber es funktioniert nicht mehr. Es kippt, faltet sich, wächst, wird körperlich. Druck, Schwerkraft und Absacken bringen die Form hervor. Man könnte meinen, der Brennprozess hätte diese Bewegung nur für einen Moment angehalten. Nass glänzende Glasuren und Platinoberflächen lassen die Skulpturen wirken, als könnten sie jederzeit weiterfließen. Gleichzeitig gibt es diese Lust an Pracht: Porzellan, Gold, Lüster und Spiegel – Materialien, die glänzen, reflektieren und etwas Kostbares behaupten. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was wir überhaupt als kostbar ansehen – und wie sehr unser Blick darauf von Marktpreisen und gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt ist.
Und was hat ein Schwibbogen mit dem Barock zu tun? Erst einmal nicht besonders viel. Simon Baumgart nimmt diese vertraute Form erzgebirgischer Volkskunst und setzt sie außer Kraft. Seine Schwibbögen brennen, rauchen, tropfen und laufen weg. Das Dargestellte bleibt nicht brav innerhalb des Rahmens, sondern verändert den Rahmen selbst. Das Barocke liegt hier also weniger im Schwibbogen als in dem, was Simon aus ihm macht: Eine eigentlich starre Form bricht aus ihren Grenzen aus.
Louise Walleneits Arbeiten setzen dem Chaos und dem Überfluss im Raum zunächst etwas Klares und Ruhiges entgegen. Aber sobald man näher hinschaut, wird es komplizierter. Ihre spiegelnden Objekte nehmen die Umgebung auf und geben sie verändert zurück. Sobald man sich bewegt, entsteht ein anderes Bild. Für die Arbeit Tapis (Berggut Oschatz) hat sie ein Fragment der Wandbemalung des großen Saals im Berggut auf eine spiegelnde Aluminiumtafel übertragen. Der Raum wird aus dem Raum herausgenommen und ihm wieder gegenübergestellt. Original und Abbild, Gegenwart und Vergangenheit schieben sich ineinander.
Wenn Formen wirken, als würden sie sich weiterbewegen, obwohl sie starr sind; wenn sie über ihre gesetzten Grenzen hinauswachsen oder sich aufzulösen scheinen; wenn der Prozess des Machens so sichtbar bleibt, als wäre er noch nicht abgeschlossen – dann lässt sich darin etwas Barockes entdecken. Auch dort, wo eine feste Form immer neue Bilder hervorbringt und wir das Werk mit jeder Bewegung anders sehen, kommt das scheinbar Statische nicht zur Ruhe.
Collapse & Splendour – Prunk und Verfall – meint zwei Dinge, die gleichzeitig geschehen. Pracht trägt den Verfall bereits in sich, und aus dem Zusammenbrechen kann wieder eine neue Form entstehen. Die Ausstellung ist eine Einladung, auf die Suche zu gehen: Wo finden wir Reichtum? Vielleicht in den glänzenden Oberflächen der Kunstwerke, vielleicht aber auch in einem charmanten Riss im Putz.
Sarah Pschorn
